Alvar Hansen
Alvar Hansen – Der Chefkonstrukteur der Schreiber-Bogen (1991–2011)
Alvar Hansen wurde am 1. Mai 1960 geboren und verstarb viel zu früh am 2. November 2011. Er zählt zu den bedeutendsten und innovativsten Konstrukteuren in der Geschichte des Kartonmodellbaus – und war von 1991 bis zu seinem Tod der Chefkonstrukteur des Verlags J. F. Schreiber.
Herkunft und Ausbildung
Alvar Hansen entstammte einer Familie mit internationalem Hintergrund. Die Kunst- und Kulturinteressen seiner Eltern Zofia und Oskar prägten ihn tief. Schon früh interessierte er sich weniger fürs Basteln als für das Filmemachen – eine Leidenschaft, die er im Jugendclub entwickelte und die ihn später dazu brachte, Modelle für realistische Bilder in filmischen Erzählungen einzusetzen. Nach der Schule studierte er Industriedesign und war anschließend eine Zeit lang an der Akademie der Bildenden Künste in Warschau als Formgestalter angestellt.
Der Weg zu J. F. Schreiber
Wie Alvar Hansen zum Verlag J. F. Schreiber kam, ist eine bemerkenswerte Geschichte: Nach dem Tod von Hubert Siegmund im Jahr 1989 stand der Verlag vor der Frage, wer dessen Nachfolge als Chefkonstrukteur antreten sollte. Der damalige Verlagsleiter Mathias Berg erinnerte sich: „Eines Tages stand Herr Hansen bei Schreiber vor der Tür und hat begeistert seine Mithilfe beim Modellbauprogramm angeboten. Er war damals mit dem Fahrrad gekommen – ich weiß nicht, ob die ganze Strecke – und ich wusste nicht so recht, wie ernst er zu nehmen war." Man gab ihm beim Modell der „Meteor" (JFS 72440) eine erste Chance – und er bewährte sich. Langsam aber sicher übernahm er einen Großteil der Entwicklungen, gestaltete zudem den Katalog neu und entwarf die Messestände. Die Zusammenarbeit bestand bis zum Verkauf der Modellbaubogen-Sparte an den Aue-Verlag.
Als die Aue-Verlags GmbH 1998 die Modellbaubogen von J. F. Schreiber übernahm, sorgte Alvar Hansen weiterhin für Kontinuität und Qualität der Bogen.
Konstruktionsstil und künstlerische Haltung
Was Alvar Hansen von anderen Konstrukteuren unterschied, war sein tief künstlerisches und pädagogisches Selbstverständnis. Er konstruierte seine Modelle zunächst „von Hand" – mit Bleistift, Lineal, Dreieck und Zirkel – und war überzeugt, dass diese handwerkliche Herangehensweise dem Bauprozess zugutekam. Die Vereinfachungen, die er bei der Konstruktion wählte, stimmten mit jenen überein, die ein guter Zeichner beim Abbilden der Wirklichkeit vornimmt.
Für ihn war nicht nur das fertige Endprodukt entscheidend, sondern der Bauprozess selbst. In Bremerhaven äußerte er 2004: „…ich möchte darüber reden, wie Modellbauer die Modelle wahrnehmen sollten. Wir wünschen uns, dass man sich nicht so sehr auf das fertige Endprodukt konzentriert, sondern man sollte die Modellbaubogen als Einladung ansehen, oder – wenn Sie wollen – als Herausforderung, den Prozess des Bauens anzugehen."
Besonders auffällig war sein Interesse an historischer Korrektheit: Bei Modellen wie dem Römischen Frachtschiff, der Griechischen Bireme (JFS 629) oder dem Pharaonenschiff stützte er sich auf archäologische Rekonstruktionen, schriftliche Erzählungen, Grabsteine und Fundstücke, um romantische Vorstellungen zu überwinden und historisch möglichst originalgetreue Modelle zu schaffen.
Familiäre Mitarbeit und ausgewählte Modelle
Alvar Hansen engagierte seine Familie und enge Freunde für verschiedene Konstruktionsaufgaben. Den Globus (JFS 72443) entwarf er gemeinsam mit seiner Mutter Zofia. Der Blauwal (JFS 72498), der Flugsaurier „Pteranodon ingens" (JFS 72487) und das Biedermeierzimmer (JFS 72470) wurden hauptsächlich von seiner Frau Wanda gestaltet.
Zu seinen bekanntesten Konstruktionen zählen außerdem:
Hansekogge (JFS 590, 2002)
Kolumbusschiff „Santa Maria" (JFS 648, 2006)
Römisches Kastell (JFS 626)
Porta Nigra (JFS 678)
Colosseum Rom (JFS 594)
Titanic (JFS 705)
Pädagoge und Autor
Neben seiner Tätigkeit als Konstrukteur war Alvar Hansen ein engagierter Pädagoge und Autor. Für den J. F. Schreiber-Verlag initiierte er ein pädagogisches Programm mit Filmen und Büchern. Sein Handbuch „Papiermodelle bauen. Techniken für Anfänger und Profis" gilt als wegweisend – es verbindet praxisnahe Hinweise mit guten Abbildungen und zeigt, wie auch einfache Einsteigermodelle in anspruchsvolle Vitrinenmodelle verwandelt werden können. Später drehte er Filme, mit denen er die Schreiber-Bogen auf YouTube präsentierte.
Parallel zu seinen Aufträgen für J. F. Schreiber schrieb er für die polnische Jugendzeitschrift „Młody Technik" [Der junge Techniker] insgesamt rund 250 Artikel, in denen er mit humanistischer Betrachtungsweise technische und historische Themen beleuchtete. Diese Artikel ermöglichten ihm 2006 die Gestaltung einer großen Modellbau-Ausstellung im Technischen Museum in Warschau unter dem Titel „Alvar z dachu [Alvar auf dem Dach]" – in Anlehnung an die Kinderbücher über „Karlsson auf dem Dach" von Astrid Lindgren, aber auch als Anspielung auf sein eigenes Atelier auf dem Dach eines Hochhauses in Warschau.
Dioramen und Brücken zwischen den Welten
Alvar Hansen war auch ein leidenschaftlicher Dioramenbauer und versuchte, die Welten des Karton- und des Plastikmodellbaus zu verbinden. Seine Dioramen, in denen er gerne beide Materialien mischte, sollten widerlegen, dass Kartonmodellbaubogen nur Kinderspielzeug seien. Im Jahr 2000 versuchte er in einer Artikelserie in der polnischen Zeitschrift „Model Fan" Plastikmodellbauer für Papiermodelle zu begeistern.
Persönlichkeit
Alvar Hansen war eine faszinierende, widerspruchsreiche Persönlichkeit: Er liebte Autos und wusste alles über militärische Fahrzeuge, lernte aber selbst nie das Autofahren. Er fuhr stattdessen mit dem Fahrrad – und kam so einst sogar zu seinem ersten Vorstellungsgespräch beim Schreiber-Verlag. Er sah sich unzählige Filme an und konnte diese später bis ins kleinste Detail wiedergeben. Seine Erzählungen, so heißt es, seien oft besser gewesen als die Filme selbst.
Alvar Hansen hinterließ dem Kartonmodellbau ein reiches Erbe: als Konstrukteur, Pädagoge, Autor, Filmemacher und Brückenbauer zwischen verschiedenen Modellbauwelten. Sein frühzeitiger Tod im Jahr 2011 hinterließ eine Lücke, die schwer zu schließen ist.
Cartegora | Inh. Michael Schönherr
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